Gedenken

Horst Seefeld - Europa war sein Leben

Horst Seefeld (*21.November 1930 in Berlin .; † 10.Januar 2018)

 

1930       geboren in Berlin danach    Abitur, Lehre als Speditionskaufmann berufliche Tätigkeit, verh., 2 Kinder

1947         Eintritt in die SPD               

1955         Geschäftsführer SPD Karlsruhe und Karlsruhe-Land  Sekretär im SPD-Landesverband BaWü  Bundessekretär und stv.Vors. der Bundes-Jusos

1967-69   Pressesekretär von Georg Leber ( Bundesminister für Verkehr)

     1969         Wahl in den deutschen Bundestag                   

1972         Wahl in den deutschen Bundestag

         1976         Wahl in den deutschen Bundestag                        

1970         Als Vertreter des Bundestages in das Europäische Parlament delegiert

1976-80   Präsident des Deutschen Rates der  „Europäischen Bewegung“

1979         erste Europawahl zum Europäischen Parlament (Soz. Fraktion wurde stärkste Fraktion)

1984         Wahl in das Europaparlament und Wahl zum Vizepräsidenten des Europaparlamentes

                 Präsidiumsmitglied der „Europa Union Deutschland“

1989         Ausscheiden aus dem Europaparlament und Wahl zum Ehrenmitglied danach    Sonderberater des Verkehrskommissars der EG

                 1989-91 Mitglied der 7köpfigen Arbeitsgruppe Verkehr 2000+“ 

 

Horst Seefeld - ein Selbstportrait

Als im Mai 1945 der zweite Weltkrieg zu Ende ging – der hoffentlich der letzte Krieg war, unter dem unser Volk und unsere Nachbarn leiden und sterben mussten und der sich weltweit ausbreitete – war ich 14 Jahre alt. Ich war nicht bei meinen Eltern. Ich wusste nicht, ob meine Eltern und meine Schwester noch lebten. Die Nazis hatten uns Berliner Oberschüler – so hießen damals die Gymnasiasten – evakuiert um die „deutsche Jugend“ vor dem Bombenterror in Berlin und anderswo zu retten. So kam ich erst in das sogenannte „Generalgouvernement“ (das heutige Südpolen) und später nach Böhmen und Mähren (heute Tschechische Republik). Im Mai 1945 mussten wir uns nach Bayern absetzen und in Gruppen unter amerikanischer Flugkontrolle bewegen. 14 meiner Klassenkameraden, alle 14 Jahre alt, waren Tag und Nacht auf vorgeschriebenen Straßen unterwegs. Übernachtet wurde am Straßenrand oder in ehemaligen Kasernen. Es gab wenige Tage nach dem Ende des Krieges keine Verkehrsmittel. So schlugen wir uns von Ort zu Ort zu Fuß durch Deutschland oder wurden manchmal von amerikanischen Armeefahrzeugen einige Kilometer mitgenommen.

Ich mache es kurz: Im Dezember des Jahres 1945 – wir waren bis zur britisch-sowjetischen Zonengrenze nach Wolfenbüttel vorangekommen – erreichte ein britischer Offizier unsere Übergabe an die Russen. Unser Land war bekanntlich in 4 Besatzungszonen aufgeteilt und die sogenannten „grünen Grenzen“ waren schwer oder gar nicht zu überwinden. Die Russen ließen uns in einem ihrer Militärzüge nach Berlin fahren. Meine Familie lebte. Wir wussten ja Monate lang nicht, ob es ein Wiedersehen geben würde. Wir waren glücklich.

Jetzt war ich also wieder daheim. Wir wohnten im sowjetisch besetzten Teil der viergeteilten Stadt. Alles war anders. Statt brauner Nazikluft und schwarzen SS-Uniformen wimmelte es von olivgrün-bräunlichen Sowjetuniformen. Unsere „Befreier“ wurden nicht von allen als solche betrachtet. Aber Sieger haben – wohl überall – eine besondere Mentalität. Ich war schon nach wenigen Wochen im Zweifel, ob nicht vielleicht eine Diktatur von einer anderen abgelöst werden würde. Einzelheiten zu erläutern würde zumindest heute zu weit führen. Immerhin gab es bereits vier „demokratische“ Parteien, nämlich CDU, LDP (so hießen die Liberalen), KPD und SPD. Diese benannten je einen Jugendbeauftragten und diese vier Damen oder Herren waren für die demokratische Erziehung der deutschen Jugend verantwortlich und bildeten überall demokratische Jugendausschüsse. Da war ich dabei. Ich wollte mithelfen, die braune Vergangenheit zu überwinden. Ich war auf mehreren Ebenen aktiv, wurde Schülersprecher meiner Schule und aller Oberschulen im Bezirk Berlin-Pankow. Als die Kommunisten die eben genannten Jugendausschüsse dominieren wollten, muckte ich dagegen auf. Sie tricksten, etwa so: Wollen wir nicht alle frei sein? Sind wir nicht Deutsche? Sind wir nicht die Jugend? So überrollten sie junge Menschen, die größtenteils ja nur die letzten Jahre kannten: Hitlerjugend und Bund deutscher Mädchen. Sie gründeten die FDJ (Freie Deutsche Jugend). Ich stemmte mich dagegen, wusste aus Gesprächen mit meinem Vater vieles über die Zeit vor 1933 und gründete mit der Mehrzahl der jungen Leute im Bezirk Pankow die sozialdemokratisch orientierte Jugendorganisation „Die Falken“, deren Vorsitzender ich wurde. Das gab Ärger mit der FDJ, den Kommunisten, der russischen Kommandantur.

 Das politische Leben nahm in Berlin durch die Teilung der Stadt immer absurdere Formen an. Im Osten der Stadt wurde die SPD die stärkste Kraft. Ich entschloss mich am 17. April 1947 mit 16 Jahren Mitglied im SPD-Ortsverein Berlin-Blankenburg zu werden. Blankenburg hatte einige Tausend Einwohner, davon waren etwas mehr als 200 SPDMitglieder. Monatsversammlungen waren selbstverständlich. Waren weniger als 200 anwesend, fragte der Vorsitzende, ob er zurücktreten solle. Doch es wurde immer schwieriger. Die Herren (KPD) und Grotewohl (SPD) beschlossen die Einheitspartei SED zu gründen. Das war das politische Ende für uns Aufrechte. Wir verlegten unsere Zusammenkünfte nach West-Berlin. Dabei wurden wir selbstverständlich beobachtet und „ausgespäht“. Das soll es auch heute noch – wie wir inzwischen wissen – selbst unter „Freunden“ geben.

1950 zogen meine Eltern aus beruflichen Gründen nach Karlsruhe. Kaum dort angekommen schloss ich mich den „Falken“ an und wurde deren Vorsitzender.  Ich arbeitete bei den Jungsozialisten mit und wurde u.a. Landesvorsitzender, Stellvertretender Bundesvorsitzender, Bundesgeschäftsführer. Das langt bisher, was mich angeht. Es war die Zeit nach 1945, die mich eng an die SPD gebunden hat. Ich wollte Freiheit und Demokratie.

Meine Familie tat ein Übriges. Vater, Opa, Onkels andere Verwandte waren schon vor 1933 und nach 1945 Sozialdemokraten. Und es interessierte mich als Jugendlicher die Geschichte dieser Partei. Ich bewunderte das einsame NEIN der Sozialdemokraten zu Hitler Ermächtigungsgesetz. Leute wie Otto Wels sollten für alle Deutschen Vorbild für Mut und Aufrichtigkeit sein. Mir imponierte, wie Kurt Schumacher sich gegen eine Einheitspartei mit den Kommunisten stemmte, wie Ernst Reuter in Berlin die Stadt vor der Sowjetisierung rettete.

Die SPD schaute in die Zukunft. Auf dem Godesberger Parteitag im November 1959 war ich der jüngste Delegierte aus Baden-Württemberg. Dort warf die SPD ideologischen Ballast über Bord und wurde zur Partei der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen. Später, als Bundestagsabgeordneter, war ich inzwischen gut bekannt und arbeitete mit Erich Ollenhauer, Willy Brandt, Herbert Wehner (für den ich zeitweilig mehr oder weniger die rechte Hand war), Fritz Erler, Alex Möller eng zusammen. An der politischen Wende hin zum Frieden war ich mit meiner Stimme im Parlament Mitbereiter der Öffnung nach Osten, der größten Leistung von Willy Brandt. Ohne Willy hätte Herr Kohl wohl nie – wie er sich gerne nennen lässt - „Kanzler der Einheit“ werden können.

Kurzum: Wer 150 Jahre alt ist, hat sicher auch Fehler gemacht, auch unsere Partei. Aber auch vieles geleistet. Viele Menschen wissen leider nicht, was Sozialdemokraten in Deutschland und Europa für sie geleistet und durchgesetzt haben. Und ich bitte zu bedenken: Unser Motto ist und bleibt „Wir wollen mehr Demokratie wagen“.

9-mal haben mich die Sozialdemokraten im Landkreis Karlsruhe als Kandidaten unserer Partei in Wahlkämpfe geschickt. Für den Bundestag, dem ich 3 Perioden angehören durfte und für das Europäische Parlament. Hier durfte ich 2 Jahrzehnte arbeiten. Darunter 9 Jahre als Vorsitzender der SPD-Europaabgeordneten, 5 Jahre als Vorsitzender des Verkehrsausschusses und 5 Jahre als Vizepräsident des Parlaments. Mir hat mein Mandat Spaß gemacht und Freude bereitet. Es ist ein schönes Gefühl, für andere tätig sein und helfen zu dürfen. Ich habe neue Freunde gefunden und unseren SPD-Anteil weg von den 20er-Prozentzahlen gebracht – zumindest bei den Erststimmen. 1972 stand vorne gar eine 4. Heute möchte ich dafür nochmals allen Genossinnen und Genossen, aber auch allen Helfern aus der Bevölkerung und selbstverständlich allen Wählern für ihr Vertrauen und ihr Votum danken.

(Teil seiner Rede am 12.Juli 2013 - 150 Jahre SPD Bretten )

 

Josef Heid 1882 – 1944 Ermordet im KZ Dachau.

In der Südstadt Bruchsals gibt es die Josef Heid Strasse. Sie erinnert an den badischen Landtagsabgeordneten und Bruchsaler Bürger Josef Heid. Am 17.November 1882 wurde er in Stühlingen geboren. Seine erste Heimatstadt war Villingen, in der er ab 1922 im Bezirksamt als Regierungsinspektor

tätig war. Schon früh trat er in die SPD ein. Nach der Wahl zum Stadtverordneten und zum Kreisrat folgte im Alter von 47 Jahren 1929 die Wahl zum Abgeordneten des badischen Landtages der Badischen Republik.

Seine erste Frau ist früh verstorben. In zweiter Ehe mit Anna, sie stammte aus Unteröwisheim wurden 2 Söhne, Wilfried und Dietrich, geboren. Diese Söhne wuchsen in Bruchsal auf. Zeitzeugen erinnern sich noch an die Hockey spielenden Buben.Aber weshalb lebte die Familie Heid in Bruchsal?


Nach der sogenannten „Machtergreifung“ der NSDAP im Januar 1933 wurde nur 4 Monate später die SPD verboten und alle gewählten Vertreter der SPD im badischen Landtag in sogenannte Schutzhaft genommen.

Der NS Gauleiter verfügte: „Führer der SPD, für die eine persönliche Gefährdung besteht oder zu befürchten ist, sind in Schutzhaft zu nehmen.“ Das Leben der Familie Heid änderte sich schlagartig. Josef Heid konnte sich zunächst der Festnahme entziehen und sich im Raum Bruchsal auf einem Dachboden verstecken. Jedoch es zog ihn zu seiner Familie. Auf der Bahnfahrt nach Villingen wurde er festgenommen. Das Bezirksgefängnis Villingen und KZ Heuberg waren Stationen mit Misshandlungen und Klinikaufenthalt. Noch 1933 wurde Josef Heid aus seiner Heimatstadt Villingen ausgewiesen. Die Familie fand Zuflucht in Bruchsal in einem kleinen Häuschen in der Gartenstraße. Berufsverbot, wöchentliche Meldung bei der Polizei, nur 50% seiner ihm zustehenden Pension und Bruchsal nicht verlassen dürfen - diese staatlichen Auflagen erschwerten das Leben der Familie sehr. Aber die Familie fand Unterstützung von Verwandten und Mitbürgern. So ist überliefert, dass Josef Heid Buchhaltungsarbeiten für einen Bruchsaler Gastwirt gemacht hat.

Nach dem missglückten Attentat auf den „Führer“ am 20 Juli 1944 schlugen die Nazis erneut zu. Die Aktion „Gitter“ war gut vorbereitet, man wartete nur auf die Gelegenheit. Deutschlandweit wurden die Mitglieder der demokratischen Parteien durch die Gestapo verhaftet. So auch Josef Heid! Er war unterwegs in die Stadt. In der Kaiserstraße wurde er verhaftet und in das KZ Dachau verbracht.

Der 11 jährige Dietrich, sein Bruder Wilfried und seine Frau sahen den Vater und Ehemann nie wieder.

„Der Häftling sei an einer Lungenlähmung gestorben, die Leiche sei bereits eingeäschert und die Urne beigesetzt worden. Todestag 21. Dezember 1944“ - so das amtliche Schreiben an die Familie. Die Söhne haben auf den Grabstein des Familiengrabes geschrieben:

 

Josef Heid 1882 – 1944 Ermordet im KZ Dachau.

 

https://ka.stadtwiki.net/images/1/18/Stolperstein_josef_heid.jpg

Im Gedenken an den aufrechten Demokraten tragen seit 1952 in Unteröwisheim und seit August 1972 in Bruchsal je eine Straße seinen Namen. Am 10. November 2013 wurden vor dem Ständehaus in Karlsruhe, dem früheren Sitz des Badischen Landtags, Stolpersteine für die ermordeten badischen Abgeordneten verlegt.

„Josef Heid JG. 1882 1929 -1933/SPD Berufsverbot 1933 „Schutzhaft“1933 Heuberg 1944 „Aktion Gitter“ Dachau Ermordet 21.12.1944 „

 

Am 5. Juli 2018 wurde ein Stolperstein durch Günter Demnig in Bruchsal, Gartenweg 37 verlegt.

 

 

 

 

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