Reichspogromnacht vor 80 Jahren - Gedenkfeier in Untergrombach

Veröffentlicht am 09.11.2018 in Allgemein

Gedenkfeier anlässlich 80 Jahren Reichspogromnacht Foto:SPD UGB

In Untergrombach gedachte man am Vorabend der Reichspogromnacht, die sich dieses Jahr zum achtzigsten Mal jährt. Unter Federführung von Kulturamtschef Thomas Adam und Ortsvorsteher Karl Mangei trugen unterschiedliche Akteure ihren Teil dazu bei, an das entsetzliche Geschehen zu erinnern und Lehren für Gegenwart und Zukunft daraus zu ziehen. Untermalt wurde die Feierstunde von Simone Tonka am Akkordeon mit Stücken aus der jüdischen Musiktradition.

Nach der Begrüßung durch Ortsvorsteher Karl Mangei (SPD), der auf den Gedenkstein in Ortsmitte Bezug nahm, erläuterte der Vorsitzende des Heimatvereins, Martin Lauber, die Situation der jüdischen Mitbürger in Untergrombach. Anschließend spannte Ortschaftsrätin Anja Krug (SPD) den Bogen zur heutigen Zeit und erteilte jeder Form von Antisemitismus und Rassismus eine klare Absage.

Eindringlich berichteten anschließend Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick und zwei Schülerinnen des Justus-Knecht-Gymnasiums von einer gemeinsamen Reise ins Konzentrationslager Gurs. Dort hatten sie Gelegenheit, die bewegende Lebensgeschichte des Zeitzeugen Kurt Maier zu erfahren, aus der die Oberbürgermeisterin zitierte. Die Schülerinnen schilderten eindringlich ihre Eindrücke des Lagers Gurs und mahnten die Zuhörer, sich dafür einzusetzen, dass sich die Geschichte nicht wiederholen dürfe.

Am Ende der Feier sprachen Pfarrerin Andrea Knauber von der evangelischen Christusgemeinde und Pfarrer Thomas Fritz von Seelsorgeeinheit ein eindringliches Gebet und Fürbitten, die das Schicksal der jüdischen Opfer in den Blick nahmen. Erinnern - nicht vergessen!

A. Krug

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Rede von SPD-Stadt- und Ortschaftsrätin Anja Krug anlässlich der Gedenkfeier "80 Jahre Reichpogromnacht" am 08.11.18 in Untergrombach

 

Zur Geschichte der Synagoge 

Camp de Gurs

"Erinnern – nicht vergessen“

So lautet die Aufschrift des Gedenksteins für die Opfer des Holocausts in Untergrombach. Diesen Gedanken des Erinnerungsprozesses an ein beispielloses Verbrechen gegen die Menschlichkeit greifen wir auf. 

Vor achzig Jahren kamen hier in Untergrombach Menschen zusammen, um die Synagoge zu demolieren. Später kamen hier Menschen zusammen, um jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger gewaltsam aus ihren Häusern zu holen, in unwürdigste Lager zu verfrachten und sie zu töten. Im Namen einer menschenverachtenden Ideologie haben Menschen aktiv Synagogen, Wohnhäuser und Geschäfte zerstört, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger verletzt. Zugesehen, wie andere gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben wurden. Wieder andere haben weggesehen. Zu wenige haben laut über die Verfolgung der jüdischen Menschen und die Existenz der Konzentrationslager gesprochen. Geschwiegen wurde darüber, wie dort ein industriell anmutender Massenmord erfolgte. Biographien wurden für immer ausgelöscht. Lebenswege verhindert. Unsagbare Verbrechen wurden begangen, von dem ein 14jähriger im KZ Majdanek schrieb: „Selbst wenn der ganze Himmel Papier und alle Meere Tinte wären, könnte ich das Leid um mich herum nicht aufschreiben“. 

Ich weiß nicht, wie ich mich damals verhalten hätte. Aber etwas anderes habe ich selber erfahren, das mir zeigt, wie ich mich heute verhalten muss: Ich konnte die zentrale Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts, Yad Vashem, in Jerusalem besuchen. Zuvor war ich durch Israel gereist, hatte eine Reihe von Museen besichtigt, in denen die Ausstellungsstücke immer auf Englisch und Hebräisch beschriftet waren. So war es auch in Yad Vashem. Aber die Aufschrift auf den erschütternden Ausstellungsstücken war in Deutsch. Ich hatte mich noch nie so deutsch gefühlt wie an diesem Tag. Meine Sprache, in der ich träume, in der ich denke, in der ich rede und in der ich liebe. In dieser Sprache waren die Befehle abgefasst, die für Millionen Menschen den Tod brachten. Diese Situation hat mich sehr gefordert, aber mir eines gezeigt:Wir sollten alle alles dafür tun, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen. 

Unauslöschliche Spuren von Leid und Trauer sind durch die Verfolgung und den Massenmord an etwa 6 Millionen jüdischen Menschen in Europa entstanden.

Und heute? 80 Jahre später? Nicht nur auf deutschen Schulhöfen wird „Du Jude“ wieder als Schimpfwort angesehen. Jüdische Einrichtungen brauchen Polizeischutz. Der am Montag in der ARD gezeigte Antisemitismusreport belegt, dass antijüdische Ressentiments wieder lauter werden. Wenn wir das Gedenken heute ernst nehmen, wenn wir das Vermächtnis der jüdischen Verfolgungsopfer ernst nehmen, müssen wir dieser Judenfeindlichkeit ebenso wie jeder Form des Rassismus energisch entgegen treten. 

Auschwitzüberlebende haben im Jahr 2009 ein Vermächtnis formuliert, das an Gültigkeit nicht verloren hat: „Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen.“ Lassen sie uns alle gemeinsam hier in Untergrombach, im Rahmen der Möglichkeiten, die jede Einzelne und jeder Einzelne von uns hat, unseren Teil dazu beitragen. Arbeiten wir an einer offenen und toleranten Gesellschaft. Schauen wir hin, wenn andere Menschen diskriminiert werden. Stehen wir auf, wenn es gilt, Demokratie und Menschenrechte gegen ihre Gegner zu verteidigen. „Was den Juden geschah, geht uns alle an“.

Rede von SPD-Stadt- und Ortschaftsrätin Anja Krug anlässlich der Gedenkfeier "80 Jahre Reichpogromnacht" am 08.11.18 in Untergrombach

 

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